Leben in Zerrspiegelland
Es gibt Tage, da stört es mich nicht. Es gibt Tage, da mag ich die bunte Bilderwelt. Und es gibt Dinge, für die nutze ich die bunten Bilder gern. Zum Beispiel zum Stöbern durch die Buchwelt, zum Erstellen unzähliger Screenshots und langer Listen mit Büchern, die wahnsinnig interessant aussehen und die ich alle gern lesen möchte. Oder wenn ich auf der Suche nach einem Geschenk bin und noch nicht weiß, was genau ich suche. Zum Entspannen, nach einem frustrierenden Arbeitstag. Meist ist fast jeder Tag so ein Tag. Ein Tag, an dem ich gern durch diese Bilderwelt blättere.
Aber dann gibt es auch die anderen Tage. Die an denen das Zerrbild, dass mir präsentiert wird mir noch mehr zusetzt, mich zu Sachen und Gedanken verführt, die mir (und meinem Konto) alles andere als guttun. Das sind dann die Tage an denen sich ein sehr ungutes Gefühl beim scrollen einschleicht, bei denen sich mir Fragen aufdrängen, wenn ich die Bilder sehe.
Fragen wie:
Schickes Bild. Sind meine auch so toll?
Wann habe ich das letzte Mal so ein schickes Bild gepostet?
Wann habe ich überhaupt mal was gepostet?
Und wann habe ich mich mal nicht dazu verpflichtet gefühlt was zu machen sondern wirklich was machen WOLLEN?
Was für ein Leben muss man haben, um ständig solche Bilder und solche positiven Dinge posten zu können? Ich arbeite offiziell 40 Stunden die Woche, eigentlich mehr und kippe danach erschlagen ins Bett. Wo sollte ich da noch Zeit haben aufwendige Bilder zu erstellen?
Und von da an ist es klar, dass das einer der unguten Tage ist und dass für die kommenden Tage bei mir der Eindruck vorherrschen wird, dass ich es irgendwie nicht auf die Reihe bekomme. Ich bekomme es nicht auf die Reihe meinen Blog ordentlich zu führen, andere haben weit besseren Content, posten weit häufiger was. Ich bekomme es nicht auf die Reihe ständig Fotos hochzuladen, die aussehen wie aus einem Modemagazin. Ich habe nicht das hübschere Lächeln, gut, ich habe gar kein Lächeln, ich hasse es lächeln zu müssen. Ich bin eine der letzten in diesem Wettkampf. Andere schaffen es weiter als ich, bringen besseren Inhalt, lustigeren Inhalt, haben mehr Follower, mehr Reichweite. Sie sind disziplinierter als ich, schaffen es neben dem Job noch zu schreiben, bringen zwei oder gar drei Bücher pro Jahr heraus und selbst ihre Selbstzweifel,sind geradezu romantisch. Fast wie ein Accessoire, dass sie stolz mit sich herumtragen und das sie mit einer absoluten Leichtigkeit ablegen können, haben sie doch keine Scheu gleich mit ihrem Erstling an Verlage und Agenturen heranzutreten, während ich nach über 10 Jahren noch hadere und mich frage, ob ich denn für diesen Schritt schon gut genug bin. Kann also etwas, dass man so leicht überwinden kann tatsächlich echter Zweifel sein?
Das einzig gute an der Sache: ich weiß, ich bin nicht allein.
Immer wieder lese ich von anderen Leuten denen das auch auffällt. Dieses Zerrbild, von dem wir alle wissen, dass es genau das ist und was wir immer wieder vergessen, wenn wir die Erfolgsgeschichten lesen, die bunten Bilder sehen. Alles, was ich tun muss ist mir genau das in Erinnerung zu rufen. Dass es ein Zerrbild ist, dass man es schnell faken kann in den sozialen Medien. Ich könnte jetzt, während ich das hier schreibe, ein Bild von meinem Laptop machen und dann posten, mit dem Handy, und schon wirke ich produktiv. Dabei kann es sein, dass ich lediglich fünf Minuten vor der Tastatur verbracht habe, dass ich eigentlich nichts getan habe. Trotzdem, das Bild erzeugt eine andere Wahrheit.
Und dann sitzt irgendwo jemand da und fragt sich wie ich das mache? Wie ich das schaffe mit meinem Brotjob noch Sachen zu schreiben, während der andere so kaputt und müde ist und es nicht auf die Reihe bekommt. Und ich möchte am liebsten rufen: Es ist nicht alles echt, was du siehst!
Aber eigentlich, wenn ich das Bild selbst gepostet habe, darf ich das nicht mehr rufen? Oder? Weil eigentlich wäre es doch eine ziemlich verlogene Warnung. Als würde der Wolf Rotkäppchen kurz bevor er es frisst davor warnen, dass er gefährlich ist, ohne ihr wirklich Zeit zum Weglaufen zu geben.