Achtsam in die Hölle

Achtsamkeit und Optimierung sind in aller Munde. Warum ist wohl klar.

Die Zeiten in denen wir leben sind hektisch, stressig. Drei Jahre Corona haben Spuren hinterlassen. Der Lockdown. Regeln, die sich andauernd änderten, bis niemand mehr wusste, wann wo und in welcher Lage wir uns befanden. Homeoffice, mit manchmal nicht ganz so toll funktionierender Technik. Daneben noch Kinder und Schulalltag, den es zu bewältigen galt. Sehr schnell bemerkten alle, dass die Nerven immer dünner wurden und die Leistungsfähigkeit immer weiter sank. Und plötzlich war sie da! Während die Coronawellen über uns hinwegschwappten, schwappte noch eine weitere Welle über unsere Köpfe hinweg: die der Achtsamkeit. Das Konzept des Hörens auf die eigenen Bedürfnisse. Das Konzept der Hilfe gegen Verzweiflung, Burnout und Depression in einer Zeit in der jeder mehr oder weniger damit zu kämpfen hatte. Das Konzept des Sich selbst findens und beachtens. Und, so irrsinnig es auch auf den ersten Blick zu sein scheint, Achtsamkeit war und ist in derartigen Situationen eigentlich perfekt für gestresste Seelen. Heißt Achtsamkeit Innehalten. Innehalten, um zu prüfen, wie es einem geht, was man gerade braucht, was einem fehlt, was man tun kann, damit es einem besser geht. Und alles, was es dafür in erster Linie braucht ist eins: Zeit.

Was wiederum widersinnig ist, denn, wenn der Stress tobt, dann haben wir doch vorallem eins nicht und das eben ist Zeit.

Wie also passt das zusammen? Warum boomt ein Konzept wie Achtsamkeit, gerade dann, wenn man einfach nur noch irgendwie funktionieren muss? Wie kommt es, dass ausgerechnet dann alle so versessen darauf sind?

Ganz einfach, weil Achtsamkeit nicht nur der Depressionsvorsorge oder der Vermeidung von Burn out dienen kann. Sie kann auch zum Erhalt der Leistungsfähigkeit, wenn nicht sogar zur Steigerung dieser herangezogen werden. Und ich fürchte, genau das ist unterwegs passiert. In unserer von Leistung und Gewinnen besessenen Gesellschaft ist Achtsamkeit zu einer Art Wunderdroge geworden, um auch unter Druck weiter perfekt zu funktionieren, anstatt zusammenzuklappen. Und desto länger man sich in der der Bubble derjenigen herumtreibt, die Achtsamkeit betreiben, desto mehr entsteht der Eindruck, dass es nicht nur als eine Art Wunderdroge zum weiterhin ungestörten Funktionieren verwendet wird, sondern dass manche es komplett verdrehen und in Verbindung mit den sozialen Medien zu einer Art Leistungssport machen. Getreu dem Motto: wer ist achtsamer? Und wer liefert die besseren / schöneren Bilder über jene Achtsamkeit ab? Wer schafft es vor dem Frühstück die Morgenseiten (eine Art Tagebuchschreiben noch vor dem Frühstück), eine Runde Yoga oder Morgensport zu machen? Wessen Frühstück ist am gesündesten? Wie sieht es mit der Arbeit aus? Stempelst du noch oder findest du dich in deiner Arbeit wieder? Wer schafft es vorallem eindrucksvolle, schöne Bilder davon zu machen?

Ich könnte die Liste hier unendlich fortsetzen, doch es dürfte klar sein, warum Achtsamkeit für manchen schnell zu einer puren Bürde, zu einem Wettbewerb werden kann, bei dem man den guten Gewohnheiten hinterherhechelt, um Abends dann schön die Kästchen abticken zu können. Als wären die Gewohnheiten, die einem helfen sollen eigentlich nicht mehr als einen zweite, selbstauferlegte To Do Liste, zusammen mit all dem anderen Müll, den man den Tag über machen muss.

Dass das mit Achtsamkeit an sich nichts mehr zu tun hat, muss ich wohl nicht erklären.

Ja, inzwischen hat es solche Ausmaße angenommen, dass selbst die, die Achtsamkeit quasi erfunden habe, sich davon distanzieren und darauf hinweisen, dass Achtsamkeit nicht als Wettbewerb betrieben werden sollte. Dass man auch die guten Gewohnheiten mal links liegen lassen lieber Torte statt Knäckebrot essen kann. Dass man nicht immer alles für einen höheren Zweck tun oder dokumentieren muss sondern dem Bedürfnis heute mal keine Kästchen abzuticken Raum zugestehen sollte. Achtsamkeit, wie man sie heute findet, war nie so gedacht. Achtsamkeit sollte dazu dienen eine Art Werkzeugkoffer anzulegen, um in stressigen Zeiten besser klarzukommen. Inhalte des Werkzeugkoffers sollten dabei gute Gewohnheiten und positive Dinge sein, mit denen man sich über die schlechten Zeiten hinweghilft. Wie beispielsweise ein warmes Bad, gegen die Erschöpfung. Ein Eis, an einem besonders furchtbaren Tag. Der Kauf eines neuen Buchs, wenn man die Prüfung verhauen hat oder auch einfach mal das Eingeständnis, dass man heute lieber liegen bleibt und sich krank meldet, wenn es ganz schlimm ist, statt sich weiter zur Arbeit zu prügeln und zu funktionieren.

Was es hingegen nicht sein sollte ist eine Art Leistungssport, der des Gewinnens wegen betrieben wird. Oder aber Auszeiten auf Managerart zu betreiben, also sich eine Auszeit zu gönnen um so besser funktionieren zu können. Dafür war es nicht gedacht, Weswegen ich nach alle der Zeit in der ich mich mit Achtsamkeit beschäftigt habe, zu einem Schluss gekommen bin: Achtsamkeit, so sehr ich eigentlich ein ein sicherer Kandidat dafür wäre, kann mich mal. Achtsamkeit, die sich in tollen Bildern auf Finstergram messen muss, Achtsamkeit, bei der es um den Wettbewerb geht, wessen Gewohnheiten gesünder sind, wer am meisten „gute“ Dinge in seinem Tag unterbringen kann, diese Art von Achtsamkeit lass ich links liegen, denn mit Achtsamkeit hat sie nichts mehr zu tun. Stattdessen sollten wir wieder anfangen mehr auf uns zu hören. Ohne Weihrauch, Schnickschnack und Yogitee. Einfach gutes, altes Nichtstun und hineinhören.

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