Agent, Artefakt, Motor und Konflikt – Ein Nachtrag zum Beitrag zum Plotten mit Karten
Kurz nachdem ich den Artikel über das Plotten mit dem Story Engine Deck veröffentlicht hatte, unterhielt ich mich mit einer lieben Autorenkollegin. Während des Gesprächs erzählte ich ihr von meiner neuesten Errungenschaft: dem Plotten mit den Story Engine Karten. Daraufhin entgegnete sie, sie plottet gerne mit Tarotkarten. Natürlich machte mich das sehr neugierig. Plotten mit Tarotkarten? Wie geht das denn?
Natürlich weiß ich, was Tarotkarten sind. Und ich vermute mal, dass nicht wenige von euch welche zu Hause haben. Das macht es umso einfacher, damit zu plotten, wenn sie ohnehin schon da sind und in einer Ecke verstauben…
Also, wie geht das?
Ich gehe davon aus, dass ihr alle wisst, was ein Tarotdeck ist und wie es aussieht. Wenn nicht, hier die Kurzauskunft:
Insgesamt gibt es 78 Karten, unterteilt in große und kleine Arkana. Die große Arkana umfasst die Nummern 0 bis 21. Die kleine Arkana unterteilt sich in 4 Farbserien (Kelch, Münze, Schwert und Stab) mit jeweils 14 Karten und 4 Hofkarten. Auf den Hofkarten findet man den Pagen, den Ritter, die Königin und den König der jeweiligen Serie. Also den Schwertkönig, der mit einem Schwert auf der Karte abgebildet ist, oder den Münzpagen, der natürlich eine Münze in den Händen hält.
Die großen Arkana zeigt wichtige Ereignisse im Leben, während die kleine Arkana den Alltag darstellt. Das ist der Grundaufbau von Tarot. Um in die "Zukunft" zu sehen, würde man eine Frage formulieren und die Karten nach einem selbstgewählten Muster auslegen, wobei jede Karte einen bestimmten Aspekt der Frage darstellt. Nachdem man alle Karten einzeln betrachtet hat, ergibt sich in der Zusammenschau ein Denkanstoß, ein Hinweis – eben der Blick in die Zukunft, wenn man es so ausdrücken will.
Das Grundgerüst mit Tarotkarten bauen
So würde die normale Arbeit mit den Karten gehen, aber wie plottet man mit ihnen? Letztendlich kann man mit ihnen genauso plotten wie mit dem Story Engine Deck.
Jede Karte steht entweder für den Charakter der Geschichte, dessen Motivation oder einen Konflikt. Alle "Fragen", die das Story Deck gemäß der Anleitung für einen automatischen Legung stellt, also die wichtigsten Bausteine der Geschichte, kann man sich auch hier legen.
Möchte man eine Figur erschaffen, zieht man eine Tarotkarte und hat seine Figur, oder zumindest einen wichtigen Charakterzug dieser Figur. Danach zieht man Karten für die Motivation, das Artefakt oder den Ort, an dem die Geschichte stattfindet, sowie für einen möglichen Konflikt, der die Figur bei der Umsetzung hindert. Man zieht also noch einmal drei Karten und legt sie vor sich hin, um sie dann zu interpretieren.
Natürlich könnt ihr auch entscheiden, dass die kleine Arkana nicht für Figuren geeignet sind. Stattdessen zieht ihr nur die großen Arkana oder die Hofkarten, und für den Rest arbeitet ihr mit dem gesamten Deck. Immerhin sind auf den großen Arkana und den Hofkarten Figuren abgebildet, und in der Regel verkörpern gerade die Hofkarten in Legungen Personen, entweder den Frager selbst oder eine Person in seinem Umfeld, die Charakterzüge der auf der Karte abgebildeten Person aufweist. Zum Beispiel ist der Schwertkönig herrisch, kalt und karriereorientiert.
Auf den kleinen Arkana sind ebenfalls Personen abgebildet, aber es ist oft schwieriger, sie als eine bestimmte Person zu deuten. So seht ihr zum Beispiel auf der Karte "8 der Kelche" im Vordergrund 8 Kelche, die aufeinander gestapelt sind. Im Hintergrund seht ihr eine Figur mit einem Wanderstab, die sich abwendet und davon geht.
Wenn ihr die Karte als Figur verwenden wollt, wird es schwierig, denn die Karte repräsentiert einen Zustand, ein Empfinden, vielleicht einen Charakterzug einer Person. Eine Person besteht jedoch nicht nur aus einer Eigenschaft. Wir alle verkörpern verschiedene Facetten.
Daher zeigt die Karte lediglich einen Charakterzug, nicht die ganze Person oder Figur. Im Fall der "8 Kelche" liegt hier die Abkehr und auch die Enttäuschung über etwas vor. Jemand hat schwierige Zeiten und eine Enttäuschung hinter sich und beschließt wegzugehen, um möglicherweise an einem anderen Ort neu anzufangen. Die Karte ist geprägt von Traurigkeit, aber auch von der Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Obwohl klar ist, dass es zunächst schwierig sein wird - die Figur bricht in die Berge auf, nicht in ebenes Terrain.
Natürlich könnt ihr sagen, dass eure Figur sich genau in dieser Situation befindet. Sie hat schwierige Zeiten hinter sich, hat gerade eine Entscheidung getroffen und beschließt loszulassen, aufzugeben und wegzugehen. Wenn das ausreicht, dann ist das perfekt. Für alle anderen empfehle ich jedoch die Nutzung der Hofkarten. Sie sind klarer und eindeutiger und erleichtern es, Figuren zu entwickeln.
Den Karren aus dem Dreck ziehen
Ein weiterer Weg, wie ihr die Karten für die Entwicklung der Story nutzen könnt, ist, dass ihr nur dann eine Karte zieht, wenn ihr komplett festgefahren seid und nicht mehr weiter wisst. Dann zieht ihr eine Karte, schaut euch an, was darauf abgebildet ist, und folgt dem Hinweis.
Bleiben wir kurz bei dem oben genannten Beispiel der "8 Kelche". Ihr habt euch in eine Ecke geschrieben, nichts geht mehr, und ihr zieht die 8 Kelche, die Aufforderung, loszulassen und etwas Neues anzufangen. Jetzt könnt ihr den Hinweis entweder auf euch selbst anwenden, also IHR solltet loslassen und etwas Neues/anderes ausprobieren, damit sich die Blockade auflösen kann. Denn oft genug kommen die Ideen, wenn man etwas ganz anderes macht. Oder ihr interpretiert die Karte so, dass eine eurer Figuren sich in Bewegung setzen soll, etwas loslassen soll, weggehen soll. Und schon habt ihr euren Fingerzeig, weil ihr jetzt darüber nachdenken müsst, wie das möglich wäre. Wie könnte eure Figur weggehen? Wie könnte sie das Aufgeben erklären? Gibt sie für immer auf oder zieht sie sich nur für eine Weile zurück, um wieder Kraft zu sammeln und dann erneut zuzuschlagen?
Gleiches gilt, wenn es darum geht, Orte für mögliche Szenen zu finden oder den Figuren Probleme in den Weg zu werfen. Ihr zieht eine Karte und schaut, was ihr als Anregung bekommt. Die Karten funktionieren in dem Fall als Anregung, als eine Idee für euch, die ihr ausbauen und anwenden könnt.
Karten als Blick in die Zukunft der Figuren
Wie ihr die Karten für euch legen würdet wisst ihr wohl. Aber habt ihr schon mal daran gedacht die Karten auch für die Figuren zu legen? Ihnen zu zeigen, welche Hindernisse auf ihrem Weg warten, wenn sie ihre Reise antreten?
Voraussetzung dafür ist, dass ihr bereits eure Figuren habt und grob wisst, was ihr mit ihnen machen wollt. Dann legt ihr die Karten und bekommt Anreicherungen des Plots. Wenn es euch also noch an Wendungen und Details fehlt, wäre das eine Möglichkeit sich Ideen zu besorgen.
Ich mag dich, du magst mich … nicht?
Ebenso ist es möglich, mit Hilfe der Karten auszuloten, wie die Figuren selbst zueinander stehen. Wer das herausfinden möchte, kann entweder auf ein bewährtes Legesystem zurückgreifen oder aber sich die Frage stellen, wie Figur A zu Figur B steht, und eine Karte ziehen. Die daraufhin erscheinende Karte zeigt die Antwort darauf.
Egal, wie ihr die Karten in diesem Fall verwendet, auf diese Weise werdet ihr besser mit euren Figuren vertraut, und das wiederum kann sich positiv auf den Plot auswirken. Warum also nicht mal ausprobieren?
Welches Deck?
Nun, das Kartenspiel, welches ihr habt. Oder eines, mit dem ihr klarkommt.
Ich selbst habe mit dem Rider White Tarot, dem Klassiker, begonnen. Ich mag die Karten sehr, weil sie schön klein und daher einfach zu mischen sind. Zur Deutung dieser Karten gibt es zahlreiche Literatur, daher ist es ein für Anfänger gut geeignetes Deck, falls Hilfe bei der Deutung gebraucht wird.
Andererseits muss ich zugeben, ist es durchaus etwas altbacken. Daher kann es nicht verwundern, dass ich mich vor einiger Zeit in das Licht und Schatten Tarot ovn Chris Anne verliebt habe. Ich habe es auf Etsy gefunden und mich in die bunten schönen Farben und die tollen Motive verliebt und es sofort erstanden. Im Bild oben könnt ihr ein paar der Karten sehen und ich denke ich muss nichts mehr weiter sagen. Die Farben und Motive sprechen für sich.
Daher, macht, was immer für euch passt.
So und das war der Nachtrag zum Plotten mit Karten.
Wenn ihr noch Tipps habt, wie man mit Tarotkarten eine Geschichte vorantreibt schreibt es mir in die Kommentare. Ich selbst ziehe mich jetzt in die verdiente Weihnachtspause zurück, werde mich mit Stollen und Spekulatius vollstopfen. Ich wünsche euch schon jetzt eine wunderbare Weihnachtszeit und wir sehen uns dann im neuen Jahr, 2025. Bis dahin!